fleisch
wie lange sitze ich hier schon? minuten, stunden, tage vielleicht? ein kurzer zeitriss; ein sprung ins leere. die erinnerungen kommen zurück. erinnerungen an einen ort, einen bahnhof mit ein und ausgängen, einer bahnhofsuhr; mit mehreren bahnsteigen, die weit hinaus in eine schienenlandschaft führen. der himmel oberirdisch verkabelt.
neben mir auf der bank ein schwarzer kasten; alt mit verchromten schlössern. einfach stehengelassen?
ich sehe mich um. niemand zu sehen. ein verlassener kasten an einem verlassenen ort. meine hand am kasten. die schlösser öffnen sich leicht. sind nicht verschlossen. sind vielleicht niemals verschlossen gewesen.
der kasten springt auf. im inneren ein jagtgewehr, reich verziert. eingebetet in roten samt. schaft aus dunkelgemasertem holz; eingearbeitete goldornamente, geschwungene bögen. hirsch und keiler verewigt in leuchtender gravur. meine finger ertasten einkerbungen und wölbungen. ich fahre über die kalte metalllandschaft den holzschaft hinunter. unter meinen fingern staub.
wie lange sitze ich hier schon? minuten, stunden, tage vielleicht? ein kurzer zeitriss; ein sprung ins leere. die erinnerungen kommen zurück.
über den schultern das jagtgewehr, laufe ich durch den schaukelnden zug. überspringe im gang stehende koffer und taschen. drängle mich an menschen vorbei. ulkige gerüche: menschenstinke, parfüm und bratwurst. naja, aber trotzdem weiter.
endlich angekommen im letzten abteil, lege ich die waffe ab. öffne ein fenster. kühle; eisige luft im haar. ich wische mir die schweißtropfen ab. waldluft, ackerdunst. aber ich bin gar nicht gestresst. komisch, was?
unverzüglich fasse ich die vorbeiziehende landschaft ins auge. am horizont, noch weit entfernt, eine dunkle gestalt. undeutlich und noch etwas formlos, dennoch eine gestalt. ich beobachte; dann ziehe ich vorsichtig die waffe aus der ecke. öffne den laufverschluss. der lauf kippt herunter. ich führe die schrotmunition ein und klappe das jagtgewehr wieder zusammen. ich bin jetzt schussbereit.
die dunkle gestalt kommt näher. noch näher. radelt auf den zug zu. wirklich rasant. die dunkle gestalt jetzt ganz nah. ein mann auf einem fahrrad. ein hübsches gesicht. woher dieses fröhliche grinsen; ein neues fahrrad, was? wenn mir bloß nicht die füsse so schwitzten. der blödmann winkt jetzt. keine ahnung, wie? oh, oh ein riesiges kotelett da überm lenkrad. ich esse schon lange kein fleisch mehr. freundlich, wirklich sehr freundlich (ich meine das gesicht, das gesicht des mannes). aber das lasse ich mir jetzt nicht nehmen, wo ich das ding hier schon den ganzen tag mit mir herumschleppe.